Mehr Platz für Behinderte - Frankfurter Rundschau (22.01.2008)
Oberursel.
Oberurseler Werkstätten wachsen / Anbau bringt Entlastung
Die schöne Theorie sieht anders aus: Raus aus der Isolation, stattdessen Vorbereitung und Unterbringung der Klienten auf dem "ersten Arbeitsmarkt" etwa. Oder: Mehr Integrationsfirmen, weniger Werkstattplätze. Die Realität in den Oberurseler Werkstätten für Behinderte ist jedoch: Ein voll ausgelastetes Haus, das noch mehr Menschen aufnehmen muss. Weil es noch schwieriger geworden ist, behinderte Menschen nach "draußen" in die Arbeitswelt zu vermitteln. Binnen fünf Jahren sind fast 100 Menschen in der Oberurseler Straße und der Zweigstelle Zimmersmühlenweg dazugekommen. Und noch mehr Plätze werden gebraucht.
Turm mit Hütchen
Auf den steigenden Bedarf wollen die Werkstätten mit einem mehrstufigen Erweiterungskonzept reagieren. Erster geplanter Akt: Die "Hütchenlösung", wie Betriebsleiter Karlheinz Roth es nennt. Am Hauptgebäude werden zwei zweistöckige Türme angebaut. Die vorgesehene Dachform in der Art von Hütchen gibt dem Projekt den Namen. Der Raumgewinn soll für ein ,,Trainingszentrum Arbeit" genutzt werden. Mit weiteren 100 Quadratmetern Verwaltungsfläche summiert sich der Zugewinn an Fläche auf rund 300 Quadratmeter. Die Verwaltung wird auf eine tiefere Ebene in die ehemalige Hausmeisterwohnung verlegt.
Mit Ausbau und Kernsanierung im betroffenen Bereich - dazu gehört auch ein Aufzug für Rollstuhlfahrer - wird der Eigenbetrieb des Hochtaunuskreises etwa 1,2 Millionen Euro investieren. Die Baugenehmigung erwartet Roth "in den nächsten Wochen". Baubeginn soll im Frühjahr sein, Inbetriebnahme zum Jahresende.
Das Trainingszentrum soll 24 Menschen eine Chance bieten, intensiver auf Arbeit außerhalb der Werkstatt vorbereitet zu werden. Neben praktischer Arbeit in einer Lehrküche und der Vermittlung von EDV-Kenntnissen gehe es um das Trainieren von Tugenden, die in der Arbeitswelt jenseits behüteter Werkstätten gefordert sind: Pünktlichkeit, Disziplin und Ordnung etwa, so Karlheinz Roth. Geleistet werden soll die Arbeit vom hauseigenen Personal.
Planziel für 2008 ist laut Roth auch die Erweiterung der Zweigstelle Zimmersmühlenweg mit Arbeitsplätzen für seelisch Kranke. Sie wurde vor knapp sechs Jahren für 48 Menschen eröffnet, doppelt so viele Plätze könnten die Oberurseler Werkstätten belegen. Verhandelt wird über die Anmietung weiterer Werkstattflächen im Umfeld, ein Kostenplan liegt noch nicht vor. "Es wird ein heißes Jahr“, so Roth. Ein Höhepunkt soll der 3.1ntegrative Zimmersmühlenlauf im Spätsommer sein. Dann will Roth die "Tausender-Marke" bei den Teilnehmern knacken.
OBERURSELER WERKSTÄTTEN
Als „Beschützende Werkstatt“ wurde 1971 der größte Eigenbetrieb des Hochtaunuskreises eröffnet. Im Oberurseler Gewerbegebiet Drei Hasen nahmen 27 Mitarbeiter die Arbeit auf.
Oberurseler Werkstätten heißt der Betrieb seit dem Umzug in die Oberurseler Straße 1981. Mit der Zweigstelle im Zimmersmühlenweg beschäftigen sie zurzeit 385 Menschen.
Der Betrieb erwirtschaftet einen Umsatz von über 1 Million Euro. Zum Kundenstamm gehören 100 Auftraggeber.
(Jürgen Streicher)