Behinderte managen Schwimmbad-Bistro - Friedrichsdorfer Woche (05.07.2007)
Friedrichsdorf Wer in diesen Tagen dem wechselhaften Wetter trotzt und sich für einen Besuch im Friedrichsdorfer Schwimmbad entscheidet, wird dort eine Veränderung feststellen. Zumindest dann, wenn er sich zwischendurch einmal stärken will und zu diesem Zweck das Bistro „Cafe’ and more“ aufsucht.
Denn nicht nur das Sortiment an Speisen und Getränken ist weit reichhaltiger geworden, auch die Belegschaft hat ein neues Gesicht bekommen. Seit knapp zwei Monaten ist das Bistro nämlich fest in der Hand der Oberurseler Werkstätten. Sechs Mitarbeiter der Behinderten-Einrichtung sind im Schichtdienst für die Verpflegung von bis zu 2000 Gästen zuständig, die täglich ins Schwimmbad pilgern. Komplettiert wird das neue Team an der Theke von einer Vielzahl nicht behinderter Aushilfskräfte.
Das Projekt mit integrativem Charakter ist zunächst auf drei Jahre befristet und soll die Eingliederung leistungseingeschränkter Menschen in den beruflichen Alltag vorantreiben.
„Unser Ziel ist es in erster Linie, zusätzliche Arbeitsplätze für behinderte Menschen zu schaffen und die Mitarbeiter auf einen dauerhaften Einsatz mit allen Anforderungen vorzubereiten“, erklärt der Werkstätten-Betriebsleiter Karlheinz Roth. Der gastronomische Betrieb im Schwimmbad sei angesichts des ständigen Kundenkontaktes dafür ideal. Die Verantwortlichen bewerten die Maßnahme gleichermaßen als Chance wie aber auch als Herausforderung für die Menschen mit Handicap. „Wichtig ist dabei auch, dass die Hauptkunden des Bistros Kinder und Jugendliche sind, die sonst nur wenig Berührungspunkte mit behinderten Menschen haben“, so Roth.
Auch bei den politischen Gremien der Stadt findet die Zielsetzung Zuspruch. „Die Mitarbeiter der Werkstatt haben die Möglichkeit, sich im normalen Arbeitsleben zu bewähren“, betont Landrat Ulrich Krebs, der weitere Projekte dieser Art für denkbar hält. Da sich außer dem Bistro kein weiterer gastronomischer Betrieb auf dem Gelände befindet, gibt es auch keine Konkurrenzsituation für die Angestellten. „So können die Mitarbeiter beruhigt ihrer Arbeit nachgehen, ohne jeglichen Druck zu verspüren“, betont Krebs. Hilfreich bei der Arbeit ist der überdimensionale Touchscreen-Monitor, auf dem alle Angebote und Preise in großen Buchstaben aufgelistet sind und mühelos abgerechnet werden. „Kleine Verzögerungen treten zwar bisweilen auf, aber Beschwerden seitens der Gäste gab es noch nicht“, betont Roth.
Mit großem Elan und Ehrgeiz gehen die Mitarbeiter ihrer Tätigkeit auf dem acht Meter langen Verkaufsbereich nach und meistern das Geschäft. Ein Lächeln haben sie zumeist auch auf den Lippen. Kurioserweise grade in stressigen Situationen, wo manch anderer zu verzweifeln beginnt. „Wenn wenig los ist, ist die Laune schon mal auf dem Nullpunkt, aber wächst der Ansturm, kommen alle richtig in Fahrt“, berichtet der Betriebleiter. Den ersten Bewährungstest an Fronleichnam, als die Besucherzahl enorm anstieg, bestand die Belegschaft mit Bravour. Neben der obligaten Currywurst mit Pommes Frites oder belegten Brötchen erweitern Salate, Hamburger und neuerdings auch Pizza das Angebot. „Wir wollen uns schon etwas von dem reinen Kiosk abheben und unser Sortiment kontinuierlich ausbauen“, erklärt Roth.
Für drei Jahre haben die Oberurseler Werkstätten das Bistro übernommen. In diesem Zeitraum sollen die Mitarbeiter die Fertigkeiten für eine Festanstellung in einem gastronomischen Betrieb erwerben. In den Wintermonaten, in denen das Schwimmbad geschlossen ist, wollen die Verantwortlichen die Kompetenzen der Mitarbeiter überprüfen und weiter fördern. „Ein solches Projekt bietet eine wichtige Chance für benachteiligte Menschen, die leider nicht immer gegeben ist.“
„Dabei sind Behinderte genauso leistungsfähig wie nicht behinderte Menschen und sollten noch mehr unterstützt werden“, sagt Bürgermeister Horst Burghardt. Die Zusammenarbeit mit den Werkstätten soll in Zukunft noch intensiviert werden.
(fw)